komparsen-vs-hollywood.de - Verletzte Komparsen des Tom Cruise Films wollen ihr Recht komparsen-vs-hollywood.de Verletzte Komparsen des Tom Cruise Films wollen ihr Recht

Glosse

Hollywood und die deutsche Sicherheitskultur

Nun ist der Film „Valkyrie“ schon wieder vor Kinostart ins öffentliche Gerede gekommen. Diesmal allerdings (zum Glück) nicht wegen der Beteiligung des Hauptdarstellers an der in den Vereinigten Staaten als Religionsgemeinschaft anerkannten Scientology, sondern wegen der Ausführungsarbeiten zum Film durch die Produktionsfirma United Artists. Beim Dreh in Berlin, zu dessen Zweck man am dritten Augustwochenende ganze Straßenblocks im Stadtzentrum abgesperrt hatte, kamen mehrere Komparsen, die als Wehrmachtssoldaten in dem Film auftreten sollten, beinahe ums Leben, als sie von einem Lastwagen fielen. Dies geschah, weil die Seitenhalterung auf der Pritsche offensichtlich defekt und nicht imstande war, das Fliehgewicht von neun „Wehrmachtssoldaten“ zu tragen, die auf einem um die Ecke fahrenden LKW saßen. Daß es sich dabei nicht um einen tragischen Unfall, sondern um ernstzunehmende Schlampigkeit handelte, legen die Aussagen der Verletzten und der Zuschauer nahe. Immerhin machten die Laiendarsteller die Verantwortlichen der Produktionsfirma mehrfach auf die Umstände aufmerksam. Doch wenn man nur die letzte Geige im philharmonischen Konzert eines Hollywooddrehs spielt, ist einem nicht nur keine Aufmerksamkeit garantiert, sondern auch fehlendes Gehör in wichtigeren Dingen wie den Sicherheitsvorkehrungen. Man hat zu funktionieren. Fünfzehn, sechszehn, siebzehn Stunden am Tag. Für eine ziemlich miese Entlohnung. Man ist ja, im Gegensatz zu den Hauptdarstellern, nur Staffage.

Nun ist es nicht so, dass man einen Komparsen, der ins Englische übersetzt übrigens „extra“ heißt, mit den hoch versicherten Starschauspielern wie in diesem Falle Tom Cruise, vergleichen kann. Schließlich kommt es bei Komparsen auch nicht auf seine Persönlichkeit ein; sein filmisches Wirken ist eher auf ein Hintergrundrauschen zum Zwecke der Authentizität beschränkt. Für die Produktionsfirma ist also seine Persönlichkeit, im Gegensatz zu seinem bloßen Auftreten, verzichtbar und so ist es kein Wunder, dass selbst der Sicherheit für die (teure) Technik mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird , als für das Wohlergehen des Statisten, der, wie eine Auslegung des Wortes „extra“ impliziert, auch austauschbar, über-individuell oder gar verzichtbar ist.

Umgekehrt bedeutet die Teilnahme für die Komparsen nicht mehr als ein spielerisches Mitwirken am Film und die Möglichkeit, einmal einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Deshalb ist die Entlohnung für einen häufig stressigen Tag auch kaum mehr als als Aufwandsentschädigung zu bezeichnen, die von den Laiendarstellern auch nur hingenommen wird, weil das Mitwirken im Hintergrund für Cineasten und Filminteressierte nicht zuletzt Spaß bedeutet. Ernsthafte Avancen auf eine Entdeckung und darauf folgender Schauspielerkarriere dürfte kaum einer von ihnen haben. Doch für die Aufopferung der Freizeit im Dienste der großen Filmindustrie mit Millionenumsätzen könnte man im Gegenzug wenigstens höfliche Umgangsformen, professionelles Auftreten und ein Minimum an Sicherheitsstandards erwarten, doch an beiden scheint es zu hapern.

Mag man den rüden Tonfall, der laut den beteiligten Laienschauspielern vorgeherrscht haben soll, noch als typischen Stress am Set verkraften – so stellt man sich das ja vor – doch bei der Gesundheit hört der Spaß auf. Und eben diese wurde vorsätzlich aufs Spiel gesetzt: Bei den Filmaufnahmen wurde es den beteiligten Komparsen untersagt, sich gegenseitig auf der Pritsche des LKW festzuhalten; schließlich sähe es auch etwas lächerlich aus, wenn sich die Soldaten der stolzen deutschen Wehrmacht auf einer Fahrt durch die Reichshauptstadt angesichts einer wankenden Ladefläche wie die Äffchen gegenseitig festhalten würden, wo man sich doch kurz zuvor erst anschickte, ganz Europa, ach was, die ganze Welt zu erobern. Nur war es eben nicht die Wehrmacht, die da hinten auf der Ladefläche saß und darüber hinaus wäre es dieser mit dem Material, das die Produktionsfirma dort zur Verfügung stellte, wahrscheinlich nicht einmal gelungen, Luxemburg zu besetzen. Schließlich war der Unfall-LKW, der einen Wehrmachtstransporter darstellen sollte, ein schrottreifer tschechischer LKW, an dem – außer dem Mercedesstern – wohl nichts mehr fahrtüchtig gewesen ist. Die Wagen verfügten wohl noch nicht einmal über funktionierende Bremsen, weshalb bei einem vorherigen Probedreh lediglich ein Busch die Weiterfahrt des Mannschaftswagens stoppen konnte, als dieser einem ebenfalls beteiligten Krad ausweichen musste. Auf den Hinweis der Komparsen, dass auch Teile der Seitenhalterung auf der Pritsche lose seien wurde gar nicht reagiert – Hauptsache im Film kommt der LKW einigermaßen authentisch rüber. Dafür würden Mercedesstern und kleinere Lackarbeiten schon sorgen. Und wenn die Komparsen eben runterfallen, dann nimmt man eben den nächsten. Ungefähr diese Mentalität, die vor knapp über sechzig Jahren wohl noch den Tatbestand der Wehrkraftzersetzung erfüllt hätte, dürfte aus der Stellungnahme der Produktionsfirma herauszulesen sein, wenn darauf hingewiesen wird, dass doch keiner ernsthafte Verletzungen erlitten habe und der Wagen doch nur mit weniger als 15 km/h um die Kurve gefahren sei, als sich die Holzverkleidung löste. Doch angesichts der Höhe (1,5m) und der Art des Sturzes (mit dem Rücken zuerst) kann man wohl von Glück sprechen, das keiner gestorben ist. Es wird wohl der Helm gewesen sein, der den Komparsen das Leben gerettet hat.

Zeugen haben ebenfalls gehört, dass sich seitens der Produktionsfirma Mitarbeiter dahingehend geäußert haben, dass am nächsten Tag „neues Material“ kommen werde, welches die verletzten Komparsen ersetzen würde. Dabei würde man mit Material wohl nicht so schlecht umgehen. Man stelle sich vor, dass man bei dem Drehen einer Action-Sequenz in den Gängen vom Flughafen Tempelhof 200 Komparsen durcheinander hat rennen lassen. Um die Dramatik zu steigern, stellt man ihnen auch gedeckte Tische in den Weg, die umgerannt werden sollten. Dabei gingen natürlich auch die darauf gestellten Gläser zu Bruch. Aber anstatt auf das in den Filmen üblicherweise verwendete Zucker-Glas zurückzugreifen, wurde echtes Glas genommen. Dass sich die Laiendarsteller böse Schnittwunden zugezogen haben, würde aber nur Aufsehen erregen, wenn man sie eben als Menschen und nicht als Material anerkennen würde.

Das Auftreten von United Artists nach dem Unfall hat dann entsprechend auch einen faden Beigeschmack und wirft ein schlechtes Licht auf die „ach-so-hippe“ Filmstadt Berlin. Denn gerne sonnt man sich hier in der Präsenz des internationalen Celebrity-Jet-Sets: Gerade erst haben Brad Pitt und Angelina Jolie verkündet, sie wollen ihren ersten Wohnsitz permanent nach Mitte verlegen, George Clooney hat sich schon vor langer Zeit ein Appartment am Potsdamer Platz zugelegt und Matt Damon und jetzt eben auch Tom Cruise sind gerne gesehene Vorzeigegäste. Das ist dann doch mal was anderes als unsere landeseigene semi-debile Prominenz, die man am liebsten wieder dorthin zurückjagen würde, wo manche gerade erst hergekommen zu sein scheinen – ins Dschungelcamp. Vielleicht ist es aber neben von der vermeintlichen Weltoffenheit dieser Stadt (die ohnehin nur auf ein paar Bezirke reduziert werden dürfte) und der für den Film „Valkyrie“ vorteilhaften Authentizität auch das geringe Lohnniveau und die niedrigen Entwicklungskosten, die den US-amerikanischen Filmzirkus nach Berlin locken. Und diese niedrigen Entwicklungskosten könnten unter anderem ja auch mit der Vernachlässigung von Sicherheitsbestimmungen erkauft worden sein. Man stelle sich einmal vor, dieser Unfall wäre bei den sicherheitsfanatischen Amerikanern passiert – da hätte sich der Hauptdarsteller wohl mächtig ins Zeug legen müssen, um vielleicht mit entsprechenden Filmpreisen das internationale Publikum in Scharen an die Kinokasse zu locken, damit die Produktionsfirma die Schadensersatzforderungen der wie „Menschenmaterial“ behandelten Komparsen begleichen könnte. Hierzulande aber schützen die einschlägigen Normen des Sozialversicherungsrechts die Arbeitgeber vor Ersatz für immateriellen Schaden (Schmerzensgeld), was zu einem bis an die Grenzen des bedingten Vorsatz reichenden laxen Umgang mit Arbeitsschutzvorschriften geradezu einlädt. Filmische Wichtigkeit oder nicht – das Gesetz, hüben wie drüben, verbietet jedenfalls die Differenzierung an der leiblichen Integrität zwischen hochbezahlten Schauspielern und bloßen Statisten. Und dass man sich an diese Gesetze zu halten hat, sollte auch den internationalen Produktionsfirmen vor Augen geführt werden.

Daniel Ammann